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SBB – Lügen geht auch ohne Strom

SBB ??? Lügen geht auch ohne Strom

Mittwoch, 22.Juni 2005, 17.15 Uhr. In der ganzen Schweiz stehen auf dem gesamten Bahnnetz alle Züge still. Rien ne va plus. Bis gegen 21Uhr geht gar nichts mehr. Für Stromversorgungsfachleute der alten Garde ein technisch völlig unmöglicher Zustand. Sie irren sich alle, denn die SBB hat kürzlich ihre Prioritäten geändert. An erster Stelle steht jetzt die Rendite und erst dann kommt die Sicherheit. Die Aktionäre sind wichtiger geworden als die Passagiere.

Hans-U. Jakob, 28.6.05

Etwas was früher, als noch von Hand geschaltet wurde, technisch gar nicht machbar war, ist nun im Computer- und Aktionärszeitalter eingetroffen.
Wie das geht: Die SBB beziehen ihren Strom aus eigenen Kraftwerken im Gotthardgebiet. Der Energietransport ins Mittelland geschieht durch 3 separate Hochspannungsleitungen.
2 davon führen ins Unterwerk Steinen SZ und eine ins Unterwerk Rotkreuz LU.
Die beiden Unterwerke sind nochmals mit 2 separaten Hochspannungsleitungen untereinander verbunden. Die Systeme sind also 3-fach geführt. Selbst wenn eine Leitung ausfällt, besteht immer noch 100% Reserve.
Und wenn 2 Leitungen ausfallen? Die Versorgung ist immer noch gewährleistet, aber jetzt darf an der verbliebenen Leitung nichts mehr passieren, sonst ist Endstation für alle Züge.
Und was ist, wenn man eine oder 2 Leitungen wegen Wartungs- oder Reparaturarbeiten abschalten muss, wie garantiert man da die nötige Versorgungssicherheit mit nur einer Leitung?
Ganz einfach: man aktiviert die an 5 Stellen im SBB-Netz vorhandenen Umformerwerke, welche notfallmässig 50Hz-Wechselstrom aus den Netzen der Stromhändler in 16.7Hz-Bahnstrom umwandeln können und lässt diesen dann ins Bahnnetz der SBB einfliessen.
Aber das muss natürlich vor dem grossen Crash geschehen, die Generatoren müssen mit dem SBB-Netz bereits synchronisiert sein und mit wenig Last (praktisch im Leerlauf) mitdrehen. Und kosten tut das dann halt schon etwas. Nebst dem Strompreis für die gigantisch anmutenden 50Hz-Motoren dieser Umformermaschinen, fallen auch die Lohnkosten für das Bedienungspersonal in diesen Unterstationen an, sofern dieses nicht aus Rentabilitätsgründen bereits entlassen worden sind.

Blackout.JPG

Bild: Energietransport vom Gotthard ins Mittelland. Am 22.Juni 05 schalteten die SBB wegen Bauarbeiten 2 Hochspannungsleitungen (rechts)ab, ohne deren Kapazität mit Umformerwerken (durch Energiezukauf) sicherzustellen. Als auf der dritten Leitung (links) ein Kurzschluss auftrat, wurde das gesamte Netz der SBB stillgelegt.

Was geschah nun an diesem 22. Juni 2005? Die SBB schalteten doch tatsächlich 2 ihrer Hochspannungsleitungen vom Gotthard ins Mittelland bewusst ab, weil unter diesen Leitungen Arbeiten mit grossen Baumaschinen ausgeführt wurden. (Quelle: TV DRS-1 mit Bildern von den Baustellen). Umformerwerke als Noteinspeisungen wurden aus Kostengründen keine aktiviert. Laut SBB-Infrastrukturchef Hess sind diese Unterwerke noch nicht „computerisiert“ und fachkundige Leute hätten diese rechtzeitig von Hand in Betrieb nehmen müssen.

Es kam was kommen musste: Um 17.08Uhr, bei Beginn des grossen Feierabend-Pendlerverkehrs kam es auf der noch verbliebenen Leitung, die bis auf das letzte Kilowatt ausgelastet, resp. für kurze Spitzenbelastungen bereits kurzzeitig im Überlastbereich lief, zu einem Kurzschluss.
Waren die Stromleiter vor Überlastung so heiss, dass Isolatoren, die bereits durch die Sommerhitze schon gut 35? warm waren, zerbarsten, oder wurde der Seildurchhang der Stromleiter vor Überhitzung so gross, dass die obersten Baumwipfel berührt wurden?
Denn auch bei den Ausholzmannschaften wurde zwecks Gewinnoptimierung gespart.

Es trat ein, was vor dem Prioritätenwechsel (Gewinn vor Sicherheit) bei der SBB gar nicht möglich war: In der ganzen Schweiz standen die Züge still.
Nicht nur das. Bis das Netz in Handsteuerung wieder aufgebaut war, dauerte es volle 4 Stunden. Vermutlich mussten zuerst alte Handbücher aus den Archiven geholt werden, um festzustellen, wo es überhaupt Umformerwerke gibt und wie dieses zu bedienen sind?

Besserwisser bereits nach 24 Stunden auf dem Plan
Sei dem wie es wolle: Keine 24 Stunden nach dem Crash liessen sich erste Besserwisser aus Kreisen der Wirtschaftspolitik und der Wirtschaftsjournalisten vernehmen, der Blackout sei infolge unsinniger Einsprachen der Umweltverbände gegen den Bau neuer Hochspannungsleitungen entstanden.
„Das Stromnetz ist zu alt“ titelte etwa die Berner-Zeitung vom 24.6.05 völlig plan- und konzeptlos, ohne im Geringsten zu wissen, wieso und warum oder seit wann.
Im Visier hatten die Schreiberlinge die Hochspannungsleitung vom Gotthard ins Wallis, welche als Ringleitung in die Westschweiz dienen soll und die Versorgungssicherheit der SBB zweifellos erhöht.

Pech für die Verfasser dieser dummen Sprüche in verschiedenen Tageszeitungen. Die Umweltverbände hatten nämlich seit 18 Jahren keinerlei Einsprachen mehr gegen SBB-Hochspannungsleitungen deponiert und die Planung dieser Leitung ist längst abgeschlossen. Warum nicht gebaut wird? Vermutlich wurde das Generieren von Dividenden dem Bau von Hochspannungsleitungen vorgezogen?
Kein Grund für SBB-Sprecher Peter Kräuchi, aufzugeben. Wenn nicht die Umweltverbände, sind es halt private Einsprecher und Gemeinden, meint er in der Basler Zeitung vom 25.6.05.
Auch hier wieder eine unglaubliche Arroganz. Blockiert wird in diesem Fall einzig von den SBB selbst, indem sie betroffenen Anwohnern das 4-fache Krebsrisko, das neben einer solchen Hochspannungsleitung entsteht und den oft kompletten Wertverlust ihrer Häuser mit lumpigen paar hundert Franken abgelten wollen, während für Managerlöhne Millionen aufgeworfen werden.

FAZIT: Der Blackout vom 23.6.05 bei den SBB ist auf fahrlässige Fehldispositionen in der Steuerung des Hochspannungsnetzes entstanden und keinesfalls durch Einsprachen gegen Bauvorhaben.
Sollten irgendwelche Einsprecher mit diesem Vorkommnis unter Druck gesetzt werden, wird sich Gigaherz gerne solcher Nötigungsopfer annehmen und helfend eingreifen.

Uebrigens: Gelogen wird bei den SBB nicht nur im Hochspannungsnetz. Zur Zeit werden auf SBB-Land hunderte von Mobilfunkmasten aufgestellt, die angeblich für das Bahnfunknetz unabdingbar sind, in Wirklichkeit aber zu über 95% von den Mobilfunkgesellschaften Swisscom, Orange und Sunrise genutzt werden. (Quelle: Offizielle Standortdatenblätter)

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Falsche Töne aus dem BUWAL (unter WHO/ICNIRP/CH-Behörden)

Nachtrag vom 30.6.05

Bei der wohl dicksten Lüge wurden die SBB in der Sendung Rundschau von TV-DRS 1
von Mittwoch 29.6.05 ertappt. Bei der angeblich so dringend benötigten Ringleitung vom Gotthard in die Westschweiz via Vallis, ist im Goms noch nicht einmal eine offizielle Planauflage erfolgt.
Wie sollen denn da Umweltschützer ein Projekt blockieren, das es infolge Personaleinsparungen in den Planungsabteilungen der SBB noch gar nicht gib? Wie wohl?

Von Hans-U. Jakob

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